Halt finden in Konstanten

Text: Louise Walleneit,
Künstlerin und Kuratorin, Leipzig


Die Zeit und ihre Fülle an Zeugnissen rast an uns vorüber, schneller als wir imstande sind wahrzunehmen, aufzunehmen und zu verarbeiten.

Was geschieht mit den Dingen, die durch die Maschen unserer Aufmerksamkeit gefallen sind, uns aber dennoch prägen – unser Weltbild, unser Schönheitsbild, unsere Kultur?

Als bewegte sich Inka Perl außerhalb der Zeit in einer Beobachterposition, scheint ihr jene Möglichkeit zu eigen, ihre Aufmerksamkeit den Dingen zu widmen, die durch das gesellschaftliche Wertsystem fielen und diese zu speichern. Sie ist Medium der Dinge, die nicht vergessen werden dürfen. Insofern ist Inka Perl eine Art Hüterin unserer Kultur und erfüllt eine Gedächtnisfunktion. Sie breitet ihre Röcke aus und fängt die Schönheit auf, die wie Plankton in die Tiefe des Unterbewusstseins der Gesellschaft sinkt. Sie sammelt, verdichtet und übersetzt. So bekommt das Unterbewusste ein Gesicht und ermöglicht uns, zu erkennen, was sich uns bisher als Wert nicht erschlossen hat.

So beginnt ihr Werk und entsteht immerfort in ihren Räumen, wie ein Protokoll. Es ist wie erinnern, wenn ich Inka Perl in diesen Räumen besuche. Insofern eine Art heimkommen, weil ich bei ihr auf Dinge treffe, die mir vertraut scheinen, ohne zu wissen wo ich ihnen begegnete. Eine Konfrontation mit eigenen unterbewussten Prägungen, die mein Empfinden für Heimat, Identität, Geborgenheit, Schönheit usw. ausmachen.

Das Erleben ihres Werkes hat auch einen Moment des Schreckens. Denn das was wir sehen, dokumentiert das Leben schon in dem Moment wo es geschieht und geht davon aus, dass ein Weiterleben nicht vorgesehen ist. Es könnte der Blick in eine Zukunft sein, in der Glitzerstaub in der Nachmittagssonne eines geöffneten Fensters mit wehenden Gardinen der Vergangenheit angehört.

Was so entsteht, ist Teil des Kulturgutes und nicht als Produkt für einen Kunstmarkt angelegt. Die Objekte in Inkas Räumen sind Entitäten, über die wir Zugang erhalten zu einem Teil in uns selbst, dem wir wenig Beachtung schenken. Deshalb ist es überraschend zu entdecken, wieviel Schönheit darin ist.
Inka Perls künstlerische Intention des Bewahrens von Werten vermittelt sich durch die Objekte ihres Werkes und deren spezielle Zusammenstellung, die den Blick des Betrachters schärft.

Ihr Werk vervollkommnet sich aber auf besondere Weise durch die Präsenz ihrer Person, weil sie es lebt und belebt und die Nuancen der Ver­​änderung, die die Zeit mit sich bringt, als Bewegung in ihr Werk übersetzt.

Die Möglichkeit, diesen Ort öffentlich zugänglich zu machen ist ein gesellschaftsrelevanter Beitrag. Das Werk von Inka Perl ist das Ge­‑
schenk an diese Gesellschaft, einen Ort besuchen zu können, wo man doch noch erfahren kann, was zu schnell vorüber flog. Das ist ein Prozess, den man sich im normalen Leben häufig wünscht, der jedoch unrealistisch ist. Ein Ort der Sehnsucht, weil er Innehalten ermöglicht und der Verbindung mit dem Unterbewussten Raum macht. Eine Konstante, an der ich teilhaben darf, jedes Mal wenn mich Inka durch ihre Räume führt und mir die Neuankömmlinge in ihrem Werk vorstellt.