Museen

Text: Carsten Busse,
Künstler und Kurator, Leipzig


Museen sind besondere Orte.

Es sind Orte der Begegnung mit fremder und eigener Kultur, mit Geschichte und Wissenschaft, mit Bekanntem und Unbekannten und im besten Fall mit Menschen ähnlicher Interessen.

In der Vergangenheit dienten sie der Zurschaustellung von fürstlichem oder bürgerlichem Reichtum und diverser Sammelleidenschaften, später der Vermittlung von Wissen, Bildung und Kultur. In der Folge fand schließlich die Forschung zunehmend Platz unter den Museumsdächern. Von den Schatz- und Wunderkammern bis zu den heutigen themenspezifischen Museen hat sich eines erhalten: Museen haben für ihre Betreiber einen nicht zu unterschätzenden repräsentativen Charakter. Nicht umsonst beauftragen Länder und Kommunen, sofern sie es sich leisten können, für Museumsneubauten angesehene Architekten, subventionieren ihre Museen oft großzügig aus dem meist schmalen Kulturetat und stehen untereinander im permanenten Wettbewerb um öffentliche Wahrnehmung und Reputation.

Die thematische Spannbreite ist mittlerweile grenzenlos. Von historischen Sammlungen bis hin zu zeitgenössischen Haushaltsgeräten, von bildender Kunst aller Epochen bis zu landwirtschaftlichem Gerät – für jedes Interessengebiet findet man irgendwo ein Museum. Eine bemerkenswerte Eigenart der musealen Präsentation ist es, dass sie die Exponate unabhängig von ihrem materiellen Wert auf seltsame Weise erhöht. Eine Zahnbürste im musealen Kontext umweht automatisch eine Aura des Besonderen, während ihre Zwillingsschwester im Badezimmer das ihr eigentlich zugedachte Schattendasein als Hilfsmittel zur Körperpflege führt.

Für einen Künstler ist der Auftritt in einem Museum zumeist förderlich für seine Karriere, vorausgesetzt, er ist noch am Leben. Andererseits kann dies jedoch auch bedeuten, dass die eigene Musealität für ihn zum Problem werden kann.
Mit der Präsenz in einer musealen Sammlung ist das angekaufte Werk Teil des kulturellen Erbes – gerade dieser (und vermutlich nur dieser) Ausschnitt des eigenen Schaffens wird der Nachwelt exemplarisch erhalten bleiben und die Sicht auf das Gesamtwerk prägen, vielleicht aber auch verstellen.

Die meisten Künstler kennen dieses Problem nicht. Die zeitgenössische Museumslandschaft ist personell und ideologisch eng verzahnt mit dem Kunstmarkt, was bedeutet, dass die Magazine nur einer verschwindend kleinen, – nicht nur, aber in erster Linie nach ökonomischen Gesichtspunkten – vom Kunstbetrieb auserwählten Elite offen stehen.

Gleichwohl haben Museen schon immer Künstler fasziniert und inspiriert. So verwundert es nicht, dass das Sammeln selbst zu einer Art Kunstform werden konnte. Die zeitgenössische Kunst bietet dafür zahlreiche Beispiele. Das Prinzip Sammlung prägt in Installationen, thematischen Werken oder Werkgruppen das Bild vieler zeitgenössischer Ausstellungen, manches wird in Buchform präsentiert oder findet sich in neuen Kontexten wieder. Auch hier stellt sich das Phänomen ein, dass die gesammelten Objekte durch die künstlerische Intervention auf eine neue Bedeutungsebene gehoben werden.

Besonders deutlich wird dies in Künstlermuseen, einer noch recht jungen Sparte der Kunstgeschichte. Die Idee, als Künstler ein Museum zu gründen – nicht in erster Linie zur Präsentation eigener Werke, sondern zur Vermittlung von Inhalten – ist eigentlich recht naheliegend. Gleichwohl sind Museen, die sich exklusiv als künstlerische Arbeit verstehen, nach wie vor eher selten. In der Regel haben solche Museen einen deutlichen narrativen Ansatz. Abhängig von den jeweiligen ideellen und künstlerischen Kontexten präsentieren sie Artefakte, die wahre oder erfundene Geschichten erzählen. Durch die museale Form zielen sie einerseits auf die Neugier, aber in besonderem Maße auch auf die Stimmungen und Gefühle der Besucher ab. Im Gegensatz zu klassischen Museen ist dabei ein Erkenntnisgewinn im bildungsbürgerlichen Sinne nicht zwingend das Ziel der Präsentation. Im Künstlermuseum entkoppeln sich die Bedeutungen der einzelnen Exponate von ihren (im wahrsten Sinne des Wortes objektiven) Inhalten und verweben sich erst im Zusammenspiel zu einer künstlerischen Gesamtaussage. Dadurch entsteht die Möglichkeit, auch Immaterielles wie Wünsche, Visionen, Utopien oder Gefühle in den Fokus der inhaltlichen Auseinandersetzung zu stellen.

Dies gilt in besonderem Maße für Inka Perls Sehnsuchtsmuseum. Diese sich ständig erweiternde Sammlung eigener und gefundener Artefakte ist weit mehr als der Versuch der Künstlerin, die eigene Befindlichkeit zu spiegeln und zu hinterfragen. Mit ihrer unverwechselbaren Ästhetik gelingt es ihr, ein universelles Thema zu visualisieren und für den Besucher Räume der Inspiration und Kontemplation zu schaffen. Es ist Installation, Performance und real life in einem – inspirierend für alle, die im alltäglichen Kampf um wahres oder vermeintliches Glück menschliches Gefühl bewahrt haben.

All denen – und natürlich der Künstlerin – ist zu wünschen, dass dem Sehnsuchtsmuseum dessen bisheriger Status des Veränderlichen und Temporären im Inneren erhalten bleibt, sich aber bald schon auch als immobile Institution manifestieren kann.